Genossenschaftswohnen: Das Comeback einer Idee

Wer in den 1950er und 1960er Jahren eine Genossenschaftswohnung bezog, tat das meist aus der Not heraus. Deutschland lag in Trümmern, Wohnraum war knapp, Baugenossenschaften waren ein pragmatisches Instrument der Massenwohnversorgung. Jahrzehntelang haftete dem Modell das Image des Provisorischen an. Heute sieht das anders aus.

Warum das Modell gerade jetzt wieder funktioniert

In München, Hamburg, Zürich und Berlin suchen Menschen gezielt nach Genossenschaftswohnungen. Wartelisten von fünf, acht, manchmal zwölf Jahren sind keine Seltenheit. Der Grund ist simpel: In Städten mit explodierenden Mieten bieten Genossenschaften Bestandsschutz, planbare Kosten und ein Wohnrecht, das nicht von Eigenbedarfskündigungen abhängt. Das klingt unspektakulär, ist aber für viele Haushalte existenziell.

Die Zahlen belegen das Interesse. Laut Wikipedia-Artikel zu Wohnungsgenossenschaften gibt es in Deutschland rund 2.000 eingetragene Wohnungsgenossenschaften mit etwa zwei Millionen Mitgliederwohnungen. Tendenz: stabil bis leicht steigend, während der freie Mietmarkt in denselben Städten regelrecht brodelt.

Was die Nachkriegsbauten heute leisten

Viele Bestände stammen tatsächlich noch aus den Aufbaujahren. Zeilenbauten aus den frühen 1950ern, Plattensiedlungen der 1960er, gelegentlich aufgelockerte Blockrandbebauungen, die später ergänzt wurden. Diese Gebäude haben einen schlechten Ruf, der sich hartnäckig hält. Dabei wurde ein erheblicher Teil davon in den letzten zwei Jahrzehnten umfassend saniert.

Die Hamburger Baugenossenschaft etwa hat zwischen 2010 und 2023 rund 8.500 Einheiten energetisch ertüchtigt, ohne die Nettokaltmieten proportional zu erhöhen. Das ist kein Einzelfall. Genossenschaftliches Wohnen folgt einem anderen betriebswirtschaftlichen Kalkül als renditeorientierter Wohnungsbau: Der Deckungsbeitrag muss stimmen, aber keine externe Renditeforderung drückt auf die Miethöhe.

Bausubstanz und Energieklassen

Unsanierte Nachkriegsbestände fallen häufig in die Energieklassen F oder G. Nach der novellierten Gebäudeenergierichtlinie der EU steht hier Handlungsbedarf an. Genossenschaften, die langfristig denken, haben damit bereits begonnen. Wer heute eine solche Wohnung übernimmt, sollte sich die konkrete Sanierungsplanung zeigen lassen, bevor er das Genossenschaftsanteil-Kapital einzahlt.

Die Schweiz als Referenzmodell

Wer das Modell in seiner ausgereiftesten Form sehen will, schaut in die Schweiz. Zürich hat einen Genossenschaftsanteil am Wohnungsbestand von rund 25 Prozent, in einzelnen Stadtquartieren deutlich mehr. Das Zürcher Stadtgebiet wurde über Jahrzehnte aktiv mit Baurechtsland versorgt, und die Genossenschaften haben dieses Instrument genutzt.

Auch in den Randquartieren der Stadt entstehen heute neue Projekte. Wer in solche Quartiere zieht, braucht zuverlässige Logistik: Eine Umzugsfirma in Schwamendingen kennt die lokalen Gegebenheiten und engen Zufahrten der Genossenschaftssiedlungen aus dem Alltag. Das ist kein Detail, sondern wer schon einmal mit einem 7,5-Tonner vor einem 1950er-Zeilenbau in einer Tempo-20-Zone gestanden hat, weiß, dass lokale Ortskenntnis Zeit und Nerven spart.

Das Zürcher Modell zeigt außerdem, was bei langfristiger politischer Flankierung möglich ist. Gemeindeabstimmungen haben dort regelmäßig bestätigt, dass die Bevölkerung gemeinnützigen Wohnungsbau aktiv will. Ein Bewusstsein, das in deutschen Städten gerade erst wächst.

Zwischen Nostalgie und Neubau

Das Genossenschaftswohnen der Gegenwart ist kein museales Konzept. Neue Projekte gehen deutlich über die Wohnfunktion hinaus. Gemeinschaftsküchen, geteilte Werkstätten, Co-Working-Flächen im Erdgeschoss und Car-Sharing-Plätze im Hof sind Standard bei zeitgemäßen Neubauprojekten. Die Genossenschaft Kraftwerk1 in Zürich und die Möckernkiez eG in Berlin sind vielzitierte Beispiele, aber es gibt Dutzende weniger prominente Projekte, die dasselbe umsetzen, ruhiger, kleiner, manchmal wirkungsvoller.

Wichtig für Interessenten: Das Genossenschaftsrecht in Deutschland ist im Genossenschaftsgesetz (GenG) geregelt. Wer Anteile zeichnet, wird Mitglied und Miteigentümer zugleich. Der eingezahlte Betrag ist bei Austritt zurückzufordern, nicht aber im Insolvenzfall vorrangig gesichert. Diese Haftungslogik sollte man verstanden haben, bevor man fünfstellige Summen einzahlt.

Was die Einlage wirklich bedeutet

  • Genossenschaftsanteile liegen je nach Größe der Wohnung zwischen 5.000 und 50.000 Euro, in Zürich teils höher
  • Sie ersetzen keine Mietkaution, werden aber mit dem Auszug zurückerstattet
  • Die monatliche Nutzungsgebühr liegt in der Regel 15 bis 30 Prozent unter vergleichbaren Marktmieten
  • Eigenbedarfskündigung ist rechtlich ausgeschlossen
  • Mitglieder können in Gremien abstimmen, also tatsächlich mitgestalten

Das Comeback ist kein Trend, sondern eine Reaktion

Wenn heute Stadtplaner und Wohnpolitiker das Genossenschaftsmodell wieder in den Mund nehmen, dann nicht wegen nostalgischer Gefühle gegenüber der Nachkriegsarchitektur. Es ist eine Reaktion auf ein Marktversagen, das sich in allen europäischen Großstädten zeigt. Renditeorientierter Wohnungsbau hat in den letzten zwanzig Jahren zuverlässig Wohnraum für mittlere Einkommen vernichtet.

Das Genossenschaftsmodell entkoppelt Wohnen von kurzfristigen Kapitalinteressen. Es ist nicht perfekt, Wartelisten sind frustrierend, die internen Abstimmungsprozesse können zäh sein, und nicht jede Genossenschaft ist gleich gut geführt. Aber es ist das einzige Modell, das über Jahrzehnte hinweg beweisbar bezahlbaren Wohnraum in städtischen Lagen gehalten hat. Das allein ist ein Argument.

Autorin: Lena Vogt